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Herausforderungen der Rinderzucht aus Sicht der Gesellschaft: Der Weg ist das Ziel

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Nutztierhaltung verringert sich zunehmend. Dies stellte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in seinem Gutachten mit dem Titel Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung fest. Ein Punkt, um eine zukunftsfähige, in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptierte Tierhaltung zu entwickeln, sieht der wissenschaftliche Beirat in der stärkeren Berücksichtigung funktionaler Merkmale in der Zucht. Zudem bemängelt er die fehlende Kommunikation und Transparenz der Nutztierhaltung. Am Pranger der Öffentlichkeit stehen zudem die Hochleistungskühe, die mehr Milch zu produzieren scheinen, als ihnen zuzumuten ist.

Doch wie sieht die Praxis aus? Was sind heute die Ziele der Rinderzucht und sind diese in Einklang mit wissenschaftlichen Vorstellungen und Verbraucherwünschen zu bringen? Ziel einer jeden Zucht ist es, vitale Tiere zu züchten, die unter zukünftig zu erwartenden Produktionsbedingungen einen Gewinn für den Betrieb sicherstellen. Aus diesem Grund werden seit dem Jahr 1998 nicht nur die Milchleistung und die Inhaltsstoffe der Milch in der Zucht eingebunden, sondern auch funktionale Merkmale wie die Nutzungsdauer, die Fruchtbarkeit, die Eutergesundheit und die Stoffwechselstabilität. Seit dem Jahr 2008 werden sogar mehr funktionale Merkmale im Gesamtzuchtwert berücksichtigt als Milchleistungsmerkmale. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die durchschnittliche Milchleistung in den letzten fünf Jahren nur um 125 kg pro Jahr angestiegen ist. Die Nutzungsdauer hat sich in fünf Jahren um fast um ein halbes Jahr auf 2,8 Jahre im Jahr 2013 erhöht. Diese Entwicklungen zeigen, dass sich die Änderung in der Gewichtung der Merkmalskomplexe bemerkbar machen.

Allerdings darf man bei der Berücksichtigung der funktionalen Merkmale in der Zucht nicht vergessen, dass eine Veränderung eines Merkmals nur erfolgt, wenn man dieses Merkmal auch erfassen bzw. bewerten kann. Es ist aufwendig und bedarf einer umfangreichen Einbindung von Akteuren, um zum Beispiel Erkrankungen wie Stoffwechselprobleme erkennen und erfassen zu können sowie sie für spätere Zuchtentscheidungen nutzbar zu machen. Zahlreiche anwendungsorientierte Projekte wie ProGesund (Bayern), GMON (Baden-Württemberg), GKUH (Niedersachsen) und KuhVital (Schleswig-Holstein) beschäftigen sich mit der Erfassung von Gesundheitsdaten in Milchviehbetrieben in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Landwirten und Tierärzten. Das Projekt milchQplus leistet Hilfestellung in der Reduzierung von Mastitiserkrankungen in Milchviehbetrieben.

Doch auch wenn diese Merkmale zukünftig exakt erfasst werden können, hat die Zucht nur bedingt Einfluss auf deren Veränderung. Anhand der erfassten Gesundheitsdaten kann zwar ermittelt werden, ob es Tiere gibt, die anfälliger für bestimmte Erkrankungen sind oder die besser mit Erkrankungen umgehen können als Herdengefährtinnen. Den größten Einfluss auf das Auftreten solcher Erkrankungen haben allerdings das Herdenmanagement und die Umgebungsbedingungen im Milchviehbetrieb. Insgesamt sind große Teile der Entwicklung in der Milchleistung auch auf Managementverbesserungen und nicht ausschließlich auf die Zucht zurückzuführen.

Bei aller Kritik von außen zeigt sich anhand der Beispiele, dass die Zucht keine einseitige Ausrichtung auf eine erhöhte Milchleistung verfolgt. Es sind zudem bewusst Gesamtzuchtwerte entwickelt worden, die sich an der ökologischen Produktion orientieren (ökologischer Gesamtzuchtwert) oder ausschließlich funktionale Merkmale für die Zuchtentscheidung berücksichtigen (RZFit).